Business Class, Burgruinen und von der Polizei gerettet
Eine Reise nach Schottland, die mit einem fragwürdigen Business-Class-Flug begann, über ausgefallene Züge und eine unfreiwillige Polizeifahrt führte und am Ende trotzdem alles hatte, was eine gute Reise braucht: Meer, Wind, Burgruinen, Highlands – und das brennende Gefühl, unbedingt zurückkommen zu müssen.
Jeder, der insgeheim ein kleiner Weltenbummler ist, hat diese Reise, die irgendwie hängen bleibt. Nicht zwingend, weil sie so perfekt war, sondern eher, weil sie etwas in einem verändert hat, was man hinterher nicht wirklich greifen kann.
Für mich begann diese Reise an einem warmen Tag am Münchner Flughafen. Ziel: Manchester. Mission: Business-Class-Lounge finden. Ja, richtig gelesen. BUSINESS CLASS! Ich war zuvor noch nie Business Class geflogen und dementsprechend ein kleines bisschen zu begeistert von der ganzen Sache.
Zumindest für 20 Minuten. Im Flieger angekommen stellte sich nämlich heraus, dass die sogenannte Business Class auf diesem Flug aus einem ganz normalen Economy-Seat bestand – nur mit einem freien Sitz zwischen mir und dem netten Herrn am Fenster. Na wunderbar. Das erklärte dann auch, warum das Ticket nur 20 Euro teurer war als das Economy-Ticket. Hätte man sich auch denken können.
Mit dem Zug in 3 (also eigentlich 6) Stunden nach Glasgow
Mit dem Touchdown in Manchester sah ich endlich meine beste Freundin wieder, die damals ein Auslandssemester in Wales machte. Wir verbrachten die Nacht in einem, sagen wir mal, interessanten Teil von Manchester. Durch das geschlossene Fenster zog nachts der Geruch von Gras herein und am nächsten Morgen waren wir uns nicht ganz sicher, ob wir wirklich ausgeschlafen waren oder einfach nur passiv high. Naja, sagen wir’s so: Wach waren wir auf jeden Fall. Der morgendliche Nebel im Kopf verflog auch schnell, als wir uns auf den Weg zum Bahnhof machten. Denn unsere eigentliche Reise begann jetzt erst: mit dem Zug nach Schottland!
Die Fahrt nach Glasgow sollte eigentlich drei Stunden dauern. Am Ende waren es ungefähr sechs (eine schöne Erinnerung an daheim und die wunderbare Deutsche Bahn). Wir standen mit unseren Koffern in überfüllten Zügen, verpassten Anschlüsse und landeten irgendwann im letzten Zug Richtung Schottland. Draußen wurde die Landschaft langsam weiter und grüner, und irgendwo zwischen Müdigkeit und Erleichterung begann die Reise dann wirklich.

Wenn ich heute daran zurückdenke, romantisiere ich diese Zugfahrt vermutlich mehr, als sie es verdient hat. In Wahrheit waren wir müde, genervt und ziemlich froh, als wir endlich in Glasgow ankamen. Aber genau das mochte ich an dieser Reise: Wir hatten nichts geplant. Wir wussten nur, dass wir nach Schottland wollten und alles andere ergab sich unterwegs.
Am ersten Morgen in Glasgow hing der Himmel schwer und grau über der Stadt. Für uns erstmal kein gutes Omen, denn wir wollten raus in die Natur und wandern! Aber das hielt uns nicht davon ab, mehr von diesem Land sehen zu wollen. Nach kurzer Recherche stand unser Ziel fest: mit dem Zug an die Ostküste, nach Stonehaven, und von dort zu Fuß weiter zu einer alten Burgruine namens Dunnottar Castle.
Unterwegs auf dem Aberdeenshire Coastal Trail
Bereits die Zugfahrt war ein Versprechen auf das, was noch kommen sollte. Immer wieder tauchte zwischen kleinen Küstenorten das Meer auf, stürmisch, weit und wild. In Stonehaven begaben wir uns auf den Aberdeenshire Coastal Trail. Der Wind wehte in Böen und vor uns ragte die schroffe Küste mit ihren steilen Klippen hinein in die Nordsee und irgendwann erblickten wir, auf einem Felsen im Meer, die Burgruine von Dunnottar. Es gibt Orte, bei denen man kurz still wird. Nicht dramatisch. Eher so, dass man stehen bleibt, den Wind im Gesicht spürt und denkt: Okay. Genau deswegen bin ich hier.
Dunnottar Castle war so mystisch und eindrucksvoll, dass wir uns ernsthaft fragten, wie Menschen damals auf die Idee gekommen waren, ausgerechnet dort eine Burg zu bauen. Auf einem Felsen. Im Meer. Bei schottischem Wind und Regen. Vermutlich hatten sie entweder sehr viel Kreativität oder einfach keinen Sinn für praktische Lageplanung.

Zurück liefen wir am Strand entlang, bis wir irgendwann merkten, dass wir auch wieder irgendwie hoch zum Küstenweg mussten. Es folgte eine spontane Kletteraktion. In unserer Erinnerung war das bestimmt eine kleine Abenteueraktion. In Wahrheit sah es vermutlich eher aus wie zwei Irre, die keine Ahnung hatten, was sie da eigentlich machten. Ich erinnere mich noch heute, wie ich mich am Gras festgehalten habe, um nicht wieder nach unten zu rutschen.
Nach einem sehr späten Lunch im Ort machten wir uns glücklich und erschöpft auf den Rückweg. Und als hätten die schottischen Wettergötter nur auf diesen Moment gewartet, brach auf der Zugfahrt zurück nach Glasgow der lang angekündigte Regen über uns herein. Wir fuhren durch das Gewitter zurück in die Stadt und ich weiß noch wie heute, wie grelle Blitze über dem dunklen, tosenden Meer zuckten.
Auf nach Loch Ness (Zwischenstopp: Inverness)
Der nächste Tag führte uns weiter in den Norden: von Glasgow nach Inverness, der berühmten Hauptstadt der Highlands. Ich hatte in einem Roman darüber gelesen und wollte unbedingt dorthin. Außerdem liegt Inverness nicht weit von Loch Ness entfernt und für zwei Schottland-Neulinge war Loch Ness natürlich Pflichtprogramm. Man kann ja schlecht zum ersten Mal nach Schottland fahren und Nessie einfach ignorieren.
Die Zugfahrt dorthin verschlug uns dann tatsächlich den Atem. Hinter Stirling begann sich die Landschaft zu verändern. Plötzlich erhoben sich Hügel in allen möglichen Grün- und Gelbtönen, weite Täler und Flüsse, die sich ihre Wege bahnten. Ich glaube, ich konnte mir vorher nie so richtig vorstellen, wie die Highlands eigentlich aussehen würden. Aber als ich es zum ersten Mal sah, hätte ich es mir vermutlich in meinen wildesten Träumen nicht ausmalen können.
In Inverness angekommen waren wir allerdings erst einmal etwas ernüchtert. Die Stadt wirkte auf den ersten Blick weniger wie das mystische Highlandstädtchen und mehr nach ganz normaler Kleinstadt. Nach einem kurzen Spaziergang zum River Ness beschlossen wir deshalb, einen Bus zu suchen, der uns näher an Loch Ness bringen sollte.

Dann passierte Folgendes: Der gute Busfahrer schmiss uns an einem der ersten Stopps raus, der sich als äußerst ungünstiger Ausgangspunkt für einen Spaziergang entpuppte. Rechts von uns lag eine vielbefahrene Straße, links ging es ziemlich steil hinunter zum Wasser. Einen richtigen Gehweg gab es nicht. Dafür aber Lkws, Kurven und sehr viele Momente, in denen wir uns fragten, wie wir jemals irgendwo ankommen sollten und wer eigentlich diese idiotische Idee gehabt hatte.
Nach etwa zwanzig Minuten hielt ein Polizeiauto neben uns. Die Polizistin erklärte uns freundlich, aber bestimmt, dass wir uns gerade in Lebensgefahr befänden. Offenbar versuchten dort immer wieder Leute, zu Fuß weiterzukommen und nicht alle kamen heil an. Nun ja. Man kann sagen: Unsere Loch-Ness-Erfahrung war zwar nicht besonders romantisch, dafür aber sehr einprägsam.
Die Polizistin nahm uns mit nach Drumnadrochit, einem kleinen Ort in der Nähe von Loch Ness. Dort mussten wir erst einmal den Schock mit einem großen Mittagessen verarbeiten. Anschließend stellten wir fest, dass es ohne Auto gar nicht so einfach war, tatsächlich an die Ufer des sagenumwobenen Lochs zu gelangen. Außerdem fuhr unser Zug zurück nach Glasgow bald ab. Also machten wir uns wieder auf den Rückweg – ohne Nessie, aber mit einer Geschichte, die wir definitiv nicht geplant hatten. In diesem Sinne: Ein Hoch auf die Spontanität.
Am nächsten Tag stand Edinburgh auf dem Plan. Oder eher: Edinbra, wie wir spätestens dort gelernt haben. Ich hatte mich auf diese Stadt besonders gefreut, weil ich dabei sofort alte Gassen, Dudelsäcke, dunkle Fassaden und ein bisschen Harry-Potter-Stimmung im Kopf hatte. Also ungefähr alles, was man sich als Schottland-Neuling sehr romantisch zusammenbastelt.

Dort gab es so viel zu sehen, dass wir gar nicht wussten, wo wir zuerst hin sollten. Wir starteten dann auf dem Calton Hill, von wo aus man einen richtig schönen Blick über Edinburgh hat. Vor uns lagen die alten Gebäude, die dunklen Fassaden und im Hintergrund Arthur’s Seat. Hier oben, zwischen den alten schottischen Denkmälern, verstand ich, warum so viele von der Stadt schwärmten. Sie hatte einen ganz eigenen Charme.
Nach ausgiebigem Bestaunen der alten Bauten machten wir uns auf den Weg zur Royal Mile. Dort ließen wir uns von den Klängen der Dudelsäcke durch die Straßen treiben, vorbei an kleinen Läden, alten Fassaden und unzähligen Menschen, die sich genau wie wir von dieser Stadt einnehmen ließen. Es war trubelig, ein wenig kitschig und doch genau so, wie ich mir Edinburgh insgeheim vorgestellt hatte.
Auf dem Rückweg nach Glasgow legten wir noch einen spontanen Zwischenstopp in Linlithgow ein. Warum genau? Wahrscheinlich, weil wir noch nicht genug gelaufen waren und unsere Reiseplanung weiterhin hauptsächlich aus spontanen Ideen à la „Wow, das sieht cool aus, lass mal hin“ bestand. Dort besuchten wir Linlithgow Palace, den Geburtsort von Maria Stuart. Die Ruinen liegen auf einem kleinen Hügel oberhalb des Linlithgow Lochs, das in der Sonne funkelte.

Am nächsten Tag ging es für mich zurück nach Hause und für meine Freundin zurück nach Wales. Unsere erste Schottlandreise war vorbei. Zumindest offiziell.
Eigentlich war sie aber eher der Anfang. Sie war der Beginn einer Liebe zu Schottland, die bis heute geblieben ist. Der Beginn von weiteren Reisen, Artikelideen, Buchideen und diesem Gefühl, dass manche Orte nicht einfach nur Reiseziele sind. Sie lösen etwas aus, das einen immer wieder zurückzieht.
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