Seerosen und Menschenmengen: Das ist Monets „Idylle“
Monets Garten in Giverny gilt als einer der bekanntesten Künstlergärten der Welt. Für mich war er lange ein Sehnsuchtsort, eng verbunden mit einer Kindheitserinnerung: Meine Mama las mir damals immer wieder „Linnea im Garten des Malers“ vor. Gut 20 Jahre später habe ich es nun endlich in diese Ecke Frankreichs geschafft. Und ich kann eines mit Sicherheit sagen: Vielleicht hätte ich doch besser schon vor 20 Jahren hinfahren sollen …
Überall sieht man sie: auf Taschen, Kleidern oder auch Tassen – die berühmten Seerosen-Gemälde von Monet.eine impressionistische Malerei ist wohl eines der besten Beispiele dafür, wie sich alte Originalgemälde in der Moderne vermarkten lassen. Für mich waren Monet und sein Garten bereits von Kind an mehr als nur ein Print auf einem T-Shirt. AFür mich waren Monet und sein Garten bereits von Kind an mehr als nur ein Print auf einem T-Shirt. Als ich noch klein war, las mir meine Mama immer aus unzähligen Kinderbüchern vor, die bis heute auf ihre Art und Weise mein Leben prägen. Eines davon: „Linnea im Garten des Malers“. Linnea und ihr Freund Blümle reisen nach Paris und Giverny, um den Garten des Malers Monet zu entdecken. Damals sagte ich zu meiner Mama: „Das mache ich auch, wenn ich groß bin!“ In ganz englischer Manier: 20 Jahre Fast Forward – ich bin mit meinem Freund nach Giverny gereist.
Überromantisierung auf angemessenem Level
Dabei hatte ich die ganzen Jahre immer dieses eine Bild im Kopf: einen blumigen Garten in Frankreich, unzählige Seerosen, die auf dem moosgrünen Wasser schaukeln, eine verwunschene Brücke und Farben wie aus einem Gemälde. Natürlich wusste ich, dass ich den Ort ein wenig über romantisierte, jedoch ist ein wenig Romantik meiner Meinung nach – vor allem im Zusammenhang mit Monets Gemälden – durchaus angemessen. 🙂 Ich freute mich einfach darauf, endlich einen meiner Kindheitsträume erfüllen zu können.

Angekommen in Giverny präsentierte sich uns jedoch ein gänzlich anderes Bild: Es war so voll, dass man hätte meinen können, Monets Gemälde würden kostenlos versteigert. Wir waren aus den Niederlanden nach Frankreich gefahren und auf unserem Weg direkt an Giverny vorbeigekommen. Schon Wochen zuvor waren die Tickets ausgebucht, und wir bekamen einige der letzten Plätze. Eigentlich hätte ich zu diesem Zeitpunkt stutzig werden sollen. Ich ging jedoch davon aus, dass der Garten vermutlich kaum eine so große Kapazität haben würde und deshalb pro Einlass nicht so viele Menschen Zugang bekämen. Irren ist menschlich, wie man doch so schön sagt.

Die schier endlose Schlange an Menschen vor dem Eingangstor hieß uns bei brütenden 35 Grad gebührend willkommen. Zunächst dachte ich noch, das seien die Menschen, die ohne Ticket hier angekommen waren, musste dann jedoch schnell feststellen, dass wir uns in einer Schlange mit Gleichgesinnten – genauer gesagt ebenfalls Ticketkäufern – befanden. Einer nach dem anderen schob sich langsam an den Security-Mitarbeitern vorbei und über einen schmalen Weg hinein in Monets Paradies.
Im Pulk durch die Idylle
Monets Garten besteht im Grunde aus zwei Bereichen: Auf der einen Seite befinden sich das Haus des Malers und der bunte Blumengarten. Auf der anderen Straßenseite liegt der berühmte Wassergarten mit dem schillernden Seerosenteich und der grünen japanischen Brücke. Wir folgten zunächst dem Pulk in Richtung Haus und Blumengarten. Ein schmaler Weg führte zwischen auffallend schön arrangierten Blumenbeeten entlang. Hinter und vor uns: Asiaten, Europäer, Australier – Pärchen, Schulklassen, Führungen und Neugierige bunt gemischt. Es gab kaum Zeit, stehen zu bleiben, denn von hinten wurde gerufen, man solle doch bitte weitergehen, andere Leute würden auch gerne in den Garten kommen. Der Duft von Schweiß und Sonnencreme waberte durch den Garten, und überall ertönten Rufe in fremden Sprachen. Ich war kurz davor, die Nerven zu verlieren, dabei waren wir noch keine fünf Minuten hier.

Also schoben wir uns hastig durch die blühende Vielfalt an Dahlien, Mohnblumen und Canna, bis wir an Monets Haus angelangten und kurz im Schatten verweilten. Die Menschen drängten sich auch hier, um in Monets Haus zu gelangen. Zu diesem Zeitpunkt waren wir bereits rund zehn Minuten im Garten und hatten noch kaum etwas gesehen – außer der Horde an Kameras, Selfie-Sticks und Fahnen etwaiger Führungen. Wir beschlossen kurzerhand, uns in den Wassergarten zu begeben, in der Hoffnung, dort mehr Ruhe finden zu können.

Der Kampf um den einzigartigen Schnappschuss
Durch eine Unterführung gelangten wir über ein paar Treppenstufen in den Seerosengarten des Malers. Zunächst führte uns der Pfad durch einen dichteren Bambuswald, in dem es tatsächlich ein wenig angenehmer war. Aus dem Wald heraus gab sich der Blick auf den Seerosenteich und die berühmte grüne Brücke frei. Ich glaube, ich stand einige Minuten da, um zu verarbeiten, was ich sah. Es war der Garten, den ich schon auf unzähligen Gemälden und in Büchern gesehen hatte. Dort vor mir lag die japanische Brücke in ihrer ganzen Pracht. In diesem Moment diente sie einer Frau in einem auffallend roten Kleid als Posing-Platz für ihre vermutlich nächste Instagram-Story. Vor ihr kniete ihr Gefährte und schoss vermutlich zehn Fotos in der Sekunde, während am Ende der Brücke eine Schlange wartete, um als Nächstes einen Platz auf der Brücke für ihren einzigartigen Schnappschuss zu ergattern.

Ein und dieselbe Reise – mit dem gleichen Ziel?
Gerade Instagram ist vermutlich ein Grund, weshalb diese Art des Massentourismus immer mehr zunimmt. Das ist einerseits gut, denn es kurbelt die Tourismusindustrie an, andererseits hat es auch einen großen Nachteil: Es macht besondere Orte, Orte mit einer gewissen Magie, weniger erlebbar. Dieser Ort verliert durch die Massen an Menschen, die ihn jeden Tag betreten und abfotografieren, einen Teil seiner Einzigartigkeit. Denn diese spiegelt sich nun einmal nicht in all den nahezu identischen Instagram-Bildern wider, die an diesem Abend von Tausenden veröffentlicht werden. Die Einzigartigkeit eines Ortes wird vielmehr durch Menschen bewahrt, die ihn wegen seines Wertes und seiner Geschichte schätzen. Denn seien wir einmal ehrlich: Was genau ist jetzt so besonders an einem einzigen Foto, auf dem man unnatürlich posiert, um später möglichst viele Likes zu bekommen? Ist das wirklich das Ziel, wenn man an einen bestimmten Ort reist?

Nach dieser Erfahrung an der einzigartigen japanischen Brücke beschlossen wir nach sage und schreibe 40 Minuten, den Rückweg zu unserem Auto anzutreten. Einen Moment verweilten wir noch auf einer Bank im Schatten des Bambuswaldes, um zumindest ein wenig von Monets Idylle mitzunehmen, bevor wir uns an den Menschenmassen vorbei in Richtung Ausgang schoben.
Sollte man einmal in dieser Ecke Frankreichs sein, ist ein Besuch des Gartens durchaus eine gute Idee – allerdings möglichst außerhalb der Hauptsaison. Ein Security-Mitarbeiter erklärte uns, der Herbst sei eine gute Wahl, da die Besucherzahlen dann deutlich zurückgingen.
Wie nehmen wir Orte heutzutage wahr?
Es wäre natürlich zu einfach, Instagram allein für solche Szenen verantwortlich zu machen. Schließlich haben berühmte Orte wie Giverny schon lange vor den sozialen Medien große Besuchermengen angezogen. Plattformen wie Instagram beeinflussen jedoch, wie Reiseziele wahrgenommen und ausgewählt werden und tragen dazu bei, dass sich Besucher oft auf dieselben Motive und Fotospots konzentrieren. Vielleicht geht es also weniger darum, ob wir solche Orte fotografieren und teilen, sondern vielmehr darum, ob wir sie daneben noch wirklich wahrnehmen. Dem will ich hier auf meinem Blog ein weig nachgehen. 🙂
Abschließend kann ich sagen, dass ich den Garten wohl doch besser vor 20 Jahren gemeinsam mit meiner Mama besucht hätte. Damals hätte ich vielleicht sogar Linnea und Blümle getroffen – wer weiß. Heute sind sie vermutlich längst vor den Selfie-Sticks geflohen.

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